Kreative Konstruktion

Ingenieurbaukunst wird seit jeher bestimmt durch Kreativität und Funktionalität. So erregen die aus der Antike erhaltenen Ingenieurbauten noch heute unsere Bewunderung durch ihre Eleganz, gepaart mit einer Festigkeit, die Jahrtausende überdauert hat. Entstanden sind sie als harmonisches Produkt von handwerklichem Können und geistiger Leistung.

Während des Mittelalters bis in die Neuzeit waren die Baumeister eher Handwerker, die bei der Formgebung und Bemessung auch bedeutender Bauwerke gewissermaßen "naiv" verfuhren, das heißt nach ihrem konstruktiv-statischen Gefühl und aus der Tradition konstruierten.

Erst im 18. Jahrhundert machte man die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Physik und Mathematik systematisch nutzbar für die Lösung praktischer Bauaufgaben. Jetzt entstand die Baustatik als Wissenschaft und damit der moderne Ingenieurbau im engeren Sinne. Die Baustatik ermöglichte dem Ingenieur, das statische Verhalten und die Sicherheit der Tragwerke zahlenmäßig vorauszuberechnen und die Bauten dementsprechend ökonomisch zu bemessen und zu gestalten.

Im Laufe der Zeit wurden die Berechnungsmethoden der Baustatik verfeinert. Heute fehlt an keinem Bauingenieur-Arbeitsplatz der PC. Über Internet tauschen die am Projekt beteiligten Planer Konstruktionspläne und Projektdaten aus. Der Informations- und Wissenstransfer ist weltweit unbegrenzt möglich.

Hand in Hand mit der technisch-theoretischen Entwicklung des Ingenieurbaus und der Entwicklung neuer und moderner Baustoffe geht der Bauherrenwunsch nach immer höheren, immer weiteren, immer schlankeren und immer preiswerteren Bauwerken. Der Glaube, dass dieser Wunsch allein durch den Einsatz des Computers beliebig erfüllbar ist, ist ebenso weitverbreitet wie falsch.

Nur schöpferische Tätigkeit und ingenieurmäßige Intuition – mit  dem leistungsfähigen Digitalrechner lediglich als Hilfsmittel – liefert als erwartetes und verlangtes Ergebnis die kreative Konstruktion. Die Grundlage hierfür ist eine solide Ausbildung in einem ausgewogenen Verhältnis von Theorie und Praxis. In diesem Sinne ist der Aussage des großen Baumeisters Vitruv auch heute nichts hinzuzufügen.